Geschichte des Fechtens


Die Frage, was historisches Fechten ist und wodurch es sich vom modernen Fechten unterscheidet, ist eine häufig gestellte. Die Antwort kann einfach gegeben oder aber in einem stundenlangen Monolog gehalten sein.

Die einfache Antwort ist:Historisches Fechten ist der Großvater der modernen Fechtkunst.

Tja, diese Antwort ist zwar korrekt, aber auskennen wird sich damit dennoch keiner.

Daher mal eine gekürzte Fassung des stundenlangen Monologs:

Zuerst einmal muss man wissen, dass man historisches Fechten (später als HF abgekürzt) in sehr viele Untergruppen unterscheidet. Die Epochen des HF ziehen sich vom 14. bis ins 19. Jhd. und wurden immer von gewissen Fechtstilen dominiert.

Aus dem frühen 14. Jhd. kennen wir die älteste erhaltene Quelle für das HF: das so genannte „Tower Fechtbuch I.33“ oder die statische Bezeichnung No. 14 E iii, No. 20, D. vi des British Museum. Obwohl es jetzt in England verweilt, ist es eine deutsche Handschrift. Sie wurde wahrscheinlich nach dem 2. Weltkrieg von Deutschland nach England gebracht, liegt seitdem dort auf und wurde bis dato nicht rückerstattet. In diesem Fechtbuch unterrichtet ein Priester eine gewisse Walpurgis im Umgang mit dem einhändigen Schwert und dem Buckler. Eine Kampfweise, die sich vor allem für die Schlachtfelder der damaligen Zeit hervorragend eignete, da die beschriebenen Techniken wenig Platz bedürfen.

Im späten 14. und 15. Jhd. war die sogenannte „Deutsche Schule“ die vorherrschende. Als deren Meister und Begründer gilt Johannes Liechtenauer. Eben dieser Liechtenauer erstellte wahrscheinlich gegen Mitte des 14. Jhd. Merkverse für seine Schüler. Eselsbrücken, damit sie sich seine Lehren besser merken konnten. Z.B. „Twer nimbt, was von oben kumbt“ – Sprich: „Der Zwerchhau ist gut gegen alle von oben geführten Angriffe.“

Im 15. Jhd. wurde dann schnell klar, dass damit niemand mehr etwas anfangen konnte und so befassten sich div. Meister abermals mit diesen Versen und verfassten die sogenannten Glossen hierzu. Zu diesen Meistern zählten Sigmund Ringeck, Peter von Danzig, Hans von Speyer, der Jude Lew und noch viele andere. Diesen Meistern ist zu verdanken, dass wir heute überhaupt noch eine Ahnung haben, was die „Deutsche Schule“ überhaupt war.

Parallel zur „Deutschen Schule“ entstand in Italien ebenfalls eine Fechttradition. Ihr bekanntester Vertreter zu dieser Zeit war Fiore dei Liberi. Er schrieb um 1410 mehrere Bücher, war zu seiner Zeit einer der bekanntesten Meister in Italien und nannte viele hochrangige Adelige seine Schüler. Ein weiterer Vertreter dieser Tradition war Filippo Vadi, der sein Werk etwa um 1480 verfasste. Worin der große Unterschied zwischen dieser Tradition und der „Deutschen Schule“ liegt ist eine Angelegenheit, die ebenfalls längerer Erklärungen bedarf und auf die wir jetzt nicht eingehen wollen und können.

Diese beiden Traditionen hatten jedoch eines gemeinsam … ihre Waffen!

Die Waffen in diesen Fechtbüchern beschreiben das brutale Leben des Spätmittelalters. Als Hauptwaffe wird hier das Lange Schwert gehandelt (zu diesem später mehr), aber als Basis allen Fechtens wird das Ringen, Leibringen oder Schlossringen genannt. Dann waren da noch der Dolch, das lange Messer und div. Stangenwaffen wie der Speer, die Halmbarte und die Mordaxt. Der Schild hingegen fehlt in den Handschriften gänzlich. Er hat in dieser Epoche seine Wichtigkeit bereits verloren und tauchte, wenn überhaupt, nur noch in Form des Bucklers (Faustschild), der Pavese (Standschild, der als kleine Palisade verwendet wurde) und des Lanzen- bzw. Stechschildes (spezielle Form für gerichtliche Zweikämpfe) auf.

Aber wie schon erwähnt, zu den Waffen kommen wir später. Jetzt mal weiter in der Geschichte des HF.

Mit dem 16. Jhd. wurde eine neue Generation von Waffen entwickelt und entdeckt, und so musste natürlich auch die Handhabung modifiziert werden. Das Lange Schwert hatte als Standardwaffe des Mannes von Welt ausgedient und wurde vom Rapier abgelöst. Das Rapier war leichter, wendiger und schneller. Die ersten Versionen der Rapiere waren mit umgeschliffenen Schwertklingen und neuen Gefäßen ausgestattet und somit noch gut für den Hieb geeignet. Gegen Mitte bis Ende des 16. Jhd. wurde das Rapier dann aber fast ausschließlich für den Stich benutzt. Das veränderte das HF vollkommen: Neue Bücher wurden geschrieben, neue Meister traten auf den Plan, eine neue Schule wurde gegründet. Die „italienische Schule“. Ihre Vertreter waren Achille Marozzo, Antonio Manciolino, Camillo Agrippa oder auch Angelo Viggiani. Sie alle waren Meister der Schule von Bologna.

Natürlich begab sich diese Weiterentwicklung der Waffen nicht nur in Italien, nein auch in Deutschland und dem Rest von Europa tat sich einiges. Während sich jedoch in Deutschland Meister wie Joachim Meyer von den Italienern vollkommen beeinflussen ließen, entwickelte sich in Spanien etwas ganz Eigenes: Die Spanier waren in dieser Epoche nicht nur in modischen Angelegenheiten die Nr. 1 (Kugelhosen und Halsrad), sondern auch in Sachen Fechten. Ihr Fechtstil war vollkommen neu. Sie standen seitlich zum Gegner, die Waffen weit von sich gestreckt, vollkommen aufgerichtet und schritten einem Tanze gleich im Kreis und wanden die Klingen umeinander, bis sich ein Lücke auftat, die sie postwendend und blitzschnell ausnutzten, um den Gegner mit dem Rapier zu pieksen. So etwas war noch nie dagewesen und Kenner und Könner dieser Materie behaupten: Träfe ein Student der „spanischen Schule“ auf einen Student der „italienischen Schule“ und beide hätten die gleiche Qualität an fechterischem Können ihrer Tradition, hätte der Italiener keine Chance. Jedenfalls erstellten die Meister Jeronimo Sanchez de Carranza und Luis Pacheco de Navaez etwas völlig Neues. Aber arrogant und isoliert, wie die Spanier halt auf ihrer Halbinsel waren, blieb diese Kunst auch leider dort, wo sie war und in Europa verbreitete sich immer mehr der italienische Stil.

Die „Deutsche Schule“ war jedoch nicht in Vergessenheit geraten. Ganz im Gegenteil. Die schönsten Werke zu dieser Tradition entstammen aus dieser Epoche. Selbst Albrecht Dürer wurde mit einem solchen Werk beauftragt. Er hat es jedoch nie wirklich vollkommen fertig gestellt. Als wahrscheinlicher Auftraggeber kann wohl Maximillian I. genannt werden, oder es war jemand, der ihm dieses Buch als Geschenk überreichen wollte. Ein anderer Enthusiast dieser Zeit war Paulus Hector Mair, der Stadtkassier und Provoss von Augsburg. Mair war ein passionierter Sammler von Waffen und Schriften aus dem 15. Jhd. und stellte sich so die umfangreichste Sammlung dieser Gegenstände seiner Zeit zusammen. Leider war sein Einkommen als Magistrat eher bescheiden, sodass er sich sein Hobby nur schwer leisten konnte. Er war daher gezwungen sich Geld zu beschaffen. Als er dann noch begann, ein Fechtbuch schreiben zu lassen, und hierfür einen der bedeutendsten flämischen Maler anheuerte, sprengte das völlig seinen Finanzetat und er begann sich an der Stadtkasse zu bedienen. Es kam, wie es kommen musste, und er wurde dabei erwischt und im Alter von 62 in Augsburg erhängt. Das war 1529. Seine Bücher hingegen sind die wohl schönsten ihrer Epoche und wurden 1542-1545 fertiggestellt.

Im 17. Jhd änderte sich nicht mehr allzu viel. Die Engländer machten das erste mal von sich Reden. Natürlich gab es auch schon früher englische Fechtmeister (der Trainer von Maximillian I. war Engländer), aber außer dem Gedicht von Ledall ist von ihrer Kunst nichts erhalten. George Silver (eigentlich um 1599, aber was zählt schon das eine Jährchen?) befasste sich mit dem Degen und dem Rapier und kam zu dem Entschluss, dass ein Rapier Mist ist und ein Backsword einfach alles kann. In seinem Werk „Paradoxes of Defense“ war er der erste Autor, der sich damit befasste, warum eine Waffe der anderen vorzuziehen ist.

Dann gab es noch Joseph Swetnam. Er schrieb ein Buch über das Rapier und den Degen. In seinem Buch gibt er auch so was wie einen Moralcodex vor. Er verwendet sehr oft Finten und benutzt starke Haue, um die Stiche zu versetzen. Er war auch der Auffassung, dass verwunden oftmals besser ist als töten. Mit dieser Meinung stand er zu der Zeit allerdings ziemlich allein da. Als Grundlage für sein Werk dürfte ihm wohl das Werk von Salvator Fabris gedient haben, der ebenfalls um 1605-1606 sein Werk veröffentlichte. Fabris, obwohl Italiener, war der persönliche Fechtlehrer von König Christian VI. von Dänemark. Sein Werk verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Europa und es war das erste Werk, das zu Beginn des. 18 Jhd. (also rund 200 Jahre später!) in fast alle anderen europäischen Sprachen übersetzt wurde.

Aber auch die spanische Schule überlebte das Jahrhundert und wurde noch ein „Exportschlager“. Verantwortlich dafür ist Girard Thibault, der so um 1628 sein Werk der spanischen Schule widmete und das bis heute als eines der schönsten Bücher dieser Gattung gilt, und die Reiselust der spanischen Eroberer. Viele spanische Fechtmeister waren auch Seefahrer und so verbreitete sich ihre Lehre vor allem an Orten, an die nie einer gedacht hätte: Indonesien, die Philippinen, aber auch Japan und China. Als nettes Detail am Rande sei noch erwähnt, dass sogar noch Thibault das Lange Schwert als Waffe unterrichtete.

Ansonsten tat sich in diesem Jahrhundert recht wenig an Veränderungen. Daher gehen wir ins 18. und somit schon zum „älteren Bruder“ des modernen Sportfechtens. Die Waffe des zivilisierten Stadtmenschens veränderte sich weiterhin und sie wurde zum „modischen Accessoir“ degradiert. Das kleine Florett bot so gut wie keine Möglichkeit für einen harten Schlag und war auch eigentlich nicht mehr dazu gedacht. Es hatte ein kleines Gefäß, das nur noch den Bereich der Hand schützte, der um den Daumen/Zeigefingerbereich lag. Der Rest der Hand blieb ungeschützt. Aber das Florett war schnell, spitz und tödlich. Ein markantes Zeichen fürs Fechten der „französischen Schule“ ist der extrem tiefe Stand und die sehr weite Auslage des waffenführenden Arms. Für den Erhalt der Balance war der oftmals weit nach hinten gestreckte linke Arm nötig, womit wir schon bei der heutigen Fechtergrundstellung wären. Natürlich wurde damals nicht ausschließlich so gekämpf,t und auch die Meister des 18. Jhd. befassten sich immer noch mit den „groben“ Waffen. Auch noch in dieser Zeit widmeten sich Fechtschulen dem Schwert, um nicht die Wurzeln der ehrwürdigen Tradition zu verleugnen. Das letzte dokumentierte Schwertkampfturnier gab es im 1793 im heutigen Belgien (und es war wahrscheinlich nicht das wirklich letzte). Jedenfalls war einer der bedeutendsten Lehrer Monsieur L’Abbat. Er verfasste 1743 sein Werk „The Art of Fencing or the use of the Small Sword“.

Während des 19. Jhd. tat sich in Sachen HF so gut wie nichts mehr. Fast sämtliche Neuerscheinungen befassten sich ausschließlich mit dem militärischen Kampf, und so entstanden Bücher zum Thema Bajonettkampf und wie man mit dem Kavalleriedegen vom Pferd herab auf Leute prügelt, aber an sich starb das HF zu dieser Zeit fast vollständig aus. Die französische Kunst überlebte diesen Prozess fast unbeschadet und wird heute nach wie vor in den Sporthallen der div. Fechtervereine unterrichtet, meistens jedoch wissen die Ausübenden dieser Sportart recht wenig über die tatsächliche Geschichte ihres Sportes.

Mitte des 19. Jhd. war der Säbel die Hauptwaffe in den Fechtschulen – was auf der Hand lag, da der Säbel auch die bevorzugte Blankwaffe auf den Schlachtfeldern war. Jedenfalls brach erneut, 400 Jahre nach Liechtenauer und dei Liberi, ein Konkurrenzkampf zwischen der deutschen Säbelschule und der italienischen aus, und wieder übertrumpfte die italienische Schule die deutsche. Der italienische Säbel war wesentlich leichter, zählte gerade mal 8-9 Linien (der deutsche war nie unter 12 und manche behaupteten, alles unter 14 Linien sei für Kinder) und war dadurch sehr schnell. Zur Jahrhundertwende trat Meister Luigi Barbasetti, seines Zeichens Gründer der Akademie der Fechtkunst und erster Trainer der französischen und österreichischen Fechtequipe (Ellen Müller-Preis, die einzige österreichische Fechtolympiasiegerin wurde noch persönlich von ihm trainiert) auf den Plan und überzeugte mit seinen blitzschnellen Riposten, Flesches und Doublets die deutschen Gegner endgültig davon, dass schwere Waffen nichts im Duell oder im Sport zu suchen hätten.

Gegen Ende des 19. Jhd. und natürlich im 20. Jhd. begann das Zeitalter der Wiederentdeckung und Rekonstruktion. Geschichtsprofessoren und Philologen ist es zu verdanken, dass wir heute über viele wiederentdeckte Quellen verfügen und die Quellen, die diese Professoren noch nicht gefunden haben, werden von fanatischen Anhängern dieses alten Brauchtums wie z.B. Matt Galas (einem in Belgien lebendenUS- amerikanischen NATO-Anwalt) gefunden. Er allein fand acht vollkommen neue Bücher zum Thema „Fechten“ – alle zwischen 1520 und 1750 datiert.

Wie gesagt, das ist eine sehr stark verkürzte Darstellung der Geschichte des historischen Fechtens, aber wie soll man so ein Thema auf einer Website abhandeln, wenn es darüber Bücher mit teilweise 400 Seiten Inhalt gibt (und die sind sogar als unvollständig anzusehen)? Nichts desto trotz sind wir uns sicher: Es bietet euch einen netten Überblick, was so los war.

Natürlich auch hier wieder die Bitte: Solltet ihr einen Link entdecken, der nicht funktioniert, so schreibt uns doch bitte mit diesem Kontaktformular. Vielen Dank für eure Mitarbeit!