Fechtbücher


Wir stellen euch hier unsere hauptsächlich verwendeten Fechtbücher vor. Eine vollständige Auflistung aller Bücher findet ihr auf der Seite WIKTENAUER.COM, eine Seite die jeder historische Fechter als „Favorit“ abgespeichert haben sollte.

Martin Wierschin hat 1965 in seiner Dissertation „Meister Johann Liechtenauers Kunst des Fechtens“ erstmals die vollständige Transkription einer Texthandschrift zur Fechtkunst vorgelegt, MS Dresden C 487 (Siegmund Ringeck) ergänzt durch Teile von Cod.Ms.3227a (dem sog. Döbringer). Außerdem enthält die Arbeit einen Katalog der damals bekannten Fechthandschriften. Obwohl Hils ihm 20 Jahre später einige Fehler nachgewiesen und den Handschriftenkatalog erheblich erweitert hat, bleibt doch eines: Die Ringeck-Transkription von Wierschin war für viele, auch für uns, der Ausgangspunkt für eine systematische Rekonstruktion der spätmittelalterlichen Fechtkunst. So auch für uns, benutzte doch Christoph Kaindel 1996 eben diese Transkription für seine neuhochdeutsche Übersetzung und somit für den Anstoß Dreynschlag zu gründen.

1985 schrieb Hans Peter Hils in seiner grandiosen Arbeit über die Bedeutung der Fechtbücher in der Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Er ergänzte dabei die Liste von Wierschin und entdeckte ganze 65 Werke. Das sind gerade einmal 3-4 weniger als bis heute bekannt sind und bedenkt eines: 1985 gab es noch kein Internet, keine E-Mails und auch keine Handys. Vielleicht könnt ihr euch vorzustellen, welch fabelhafte Arbeit er und Wierschin hier geleistet haben, um diese Manuskripte zu finden.

Die Auflistung erfolgt nach dem ungefähren Erscheinungsjahr:

14. Jhdt

~ 1300 – I.33 – Das sogenannte Towerfechtbuch. Als Kriegsbeute kam es von Deutschland nach England und liegt derzeit in der Leeds Armoury. Das Fechtbuch behandelt den Kampf mit Schwert/Buckler und ist in lateinischer Sprache abgefasst. Es ist das älteste erhaltene Fechtbuch. Wir trainieren zwar nicht explizit Schwert/Buckler nach dem I.33, aber es bietet doch einen guten Ansatz für die Interpretation der späteren Quellen zu dieser Waffenkombination.

~ 1389 – Cod. ms. 3227a – Der sogenannte Döbringer. Eigentlich ein „Hausbuch“, also ein Buch, das die allgemeinen Wissensnotwendigkeiten für den täglichen Bedarf beinhaltet. So finden sich neben einer Fechtanleitung auch Rezepte zum Erzeugen von Eisen darin und auch Wundheilungen werden beschrieben. Das Manuskript 3227a ist das erste das Meister Johannes Liechtenauer erwähnt und seine Lehren erläutert. Dieses Werk dient uns hauptsächlich als Werk zum „Querlesen“, d.h. wenn wir bei einer Interpretation in unseren Hauptwerken mit den dortigen Texten nicht ganz froh sind, oder sie nicht eindeutig sind, so lesen wir hier nach und hoffen aus diesem „Urtext“ schlauer zu werden.

15. Jhdt

~ 1400 – MS Francais 1996 – Le Jeu de la Hache (Das Spiel von der Axt). Dieses älteste französischsprachige Fechtbuch beinhalt einzig und allein Beschreibungen zum Kampf mit der Mordaxt. Beim Lesen fällt auf, dass es sich hier um den Kampf im Turnier handelt, da einige Techniken damit enden, dass man seinen Gegner aus dem Ring schiebt oder wirft. Nichts desto Trotz: Die Mordaxt ist eine absolut tödliche Waffe. Gemeinsam mit den Werken von Thalhoffer unsere Quelle für das Mordaxttraining.

~ 1410 – MS Ludwig XV 13 – Fior di Battaglia. Das erste Buch von Fiore de’i Liberi. Von ihm sind drei Fechtbücher erhalten, alle mit annähernd gleichem Inhalt. Um sie unterscheiden zu können werden sie meistens mit ihrem derzeitigen Aufenthaltsort benahmt. Das MS Ludwig XV 13 liegt im Getty Museum in L.A. und heißt somit umgangssprachlich „das Getty Manuskript“. Aus diesem Fechtbuch verwenden wir ausschließlich einige Dolchtechniken, da Fiore zum Thema Dolch einen sehr direkten Zugang hat und uns somit sehr entgegenkommt.

~1430 – MS KK5013 – Das Wiener Gladiatoria. Dieses Fechtbuch steht außerhalb der Tradition Johannes Liechtenauers und beschäftigt sich ausschließlich mit dem gerüsteten Zweikampf. Als solches ist dieses Werk ein absolutes Muss. Es bietet Anleitung zum Kampf mit dem Speer, dem halben Schwert, dem Dolch und auch dem Bodenkampf. Wie bereits erwähnt, ist das KK5013 eines der vielen Werke, die Wien ihr Zuhause nennen können.

~ 1435 – MS Germ.Quart 16 – Das Berliner Gladiatoria. Es ist mehr oder weniger eine 1:1-Kopie des Wiener Werks, allerdings sind die Farben noch kräftiger und wir finden auch einige Platten zum Thema Schwert/Buckler, Stange und Stechschild.

~ 1443 – MS Chart.A. 558 – Das erste Thalhoffer Buch. Dieses in Gotah aufliegende Fechtbuch stellt das älteste von Hans Thalhoffer überlieferte Werk dar. In diesem Buch hält sich Thalhoffer noch sehr an die liechtenauer’sche Lehre zum Kampf mit dem langen Schwert. In den späteren Werken ist schön zu beobachten, wie er sich von ihr leicht abwenden wird. Er wird sie stets als Richtlinie verwenden, adaptiert sie aber nach seinem Gutdünken. Ich weiß, ich weiß, es wird Leute geben, die nun die Nase rümpfen und meinen: „Ohhh, sie trainieren nach Thalhoffer, wie überraschend.“ Aber Leute seht es ein: Er hat 6 Fechtbücher geschrieben, war über 40 Jahre lang Fechtmeister. Der Typ hatte Ahnung! Bitte schmäht ihn nicht, nur weil Hinz und Kunz, der meint, er betreibt historisches Fechten, nur Thalhoffers Namen kennt.

~ 1450 – MS XIX 17-3 – Ein weiteres Thalhofferwerk – Der Königsegger Codex. Es ist nicht ganz klar, ob dieser oder der „Thott“ das zweite Buch von Thalhoffer ist, aber im Grunde ist es auch egal. Hier jedenfalls lehnt er sich noch an Liechtenauer an, verfasst aber zum Thema Dolch, Halbschwert und Ringen eigene Texte.

~ 1450 – MS 78.A.15 – Wieder ein Thalhoffer. Durch oftmaliges Neubinden des Buches wirkt dieses Werk eher wie ein konfuses Geschmiere. Die damaligen Buchbinder haben wohl Karten damit gespielt, denn die Seiten sind oft wirr durcheinander gemischt. Ob das Buch eine Ergänzung zum Königsegger Codex ist, oder aber ein eigenständiges Werk, sollen andere entscheiden. Fakt ist, es ist ein überliefertes Werk und das ist gut so.

~ 1450 – Codex I.6.4°.3 – Codex Lew. Das Fechtbuch des (Ex)-Juden Lew stellt das erste von 4 fast identischen Glossen zu den Versen von Meister Liechtenauer dar. Das „Ex“ beim Juden spielt auf den Passus, „der ein getaufter Jud gewesen ist“ an, was darauf hinweist, dass sich Meister Lew später zum Christentum bekehrte. Gleiches gilt auch für den österreichischen Ringermeister Ott, der ebenfalls Würdigung in diesem Werk findet.

1452 – Codex 44.A.8Peter von Danzig. Ungefähr zur selben Zeit wie der Codex Lew erschien der sogenannte Peter von Danzig. Dieses Buch stellt für unsere Gruppe das Hauptwerk dar. Das Fechtbuch ist eine Schriftensammlung von vielen Meistern. So finden wir darin die Schriften von Meister Lignitzer (Dolch, Ringen, Schwert/Buckler, Halbschwert), Meister Hundtfeld (Dolch, Halbschwert, Rossfechten), Meister Ott (Ringen), Glossen zu Meister Liechtenauer (Langschwert, Rossfechten, Kampffechten), sowie Meister Peter von Danzig (Kampffechten). Aufgrund des letzten Kapitels von Peter von Danzig über das Kampffechten wird das Buch gemeinhin ihm zugeschrieben, obwohl hierfür kein weiteres Indiz vorhanden ist.

1482 – CGM 582JohannesLecküchners Kunst des Messerfechtens. Dieses Buch stellt das umfangreichste Werk zu einer einzigen Waffe dar. Es ist DAS Werk zum Kampf mit dem langen Messer. Das Messer ist eine lange Version der Seitenwehr, einer einhändig geführten Waffe mit nur einer Schneide. Das Werk umfasst 217 Blätter und somit über 400 Seiten. Es ist vollständig illustriert und mit reichlich Text versehen, sodass eine Interpretation wesentlich vereinfacht wurde. Eine Besonderheit des Buches (abgesehen davon, dass es von einem Priester geschrieben wurde) ist die Tatsache, dass Meister Lecküchner bei einigen Techniken explizit darauf hinweist, dass sie nur für den Schaukampf gedacht sind und im Ernstkampf nicht verwendet werden sollen.

1491 – MS.M.I.29Hans von Speyer. Dieses Werk ist eine Sammlung der gleichen Werke wie im Cod.44.A.8 Peter von Danzig. Sie unterscheiden sich lediglich in der Wortwahl. Die beschriebenen Techniken und Glossen sind allerdings ident. Neu ist allerdings, dass sich Martin Syber und Johannes Lecküchner in die Sammlung dazu gesellten. Lecküchner natürlich mit dem langen Messer und Syber mit Lehren zum Langen Schwert.

16. Jhdt

~ 1500 – MS Dresden C.487Siegmund Ringeck. Neben Lew, Danzig und Speyer ist Ringeck das vierte fast identische Buch zum Thema „Glossen zu Meister Liechtenauer“. Auch bei ihm finden wir die üblichen Verdächtigen: Lignitzer, Ott, Liechtenauer und Co. Das Fechtbuch stellt für uns einen besonderen Meilenstein dar, war es doch unser Christoph Kaindel, der als erster weltweit das Buch ins Hochdeutsche übersetzt hat. Er ermöglichte somit Leuten wie John Clements und div. anderen die Erstellung ihrer Bücher und sicherte sich so einen ewigen Platz in der Geschichte des historischen Fechtens.

1512 – MS 26-232Albrecht Dürer. Ob Albrecht Dürer das Fechtbuch selbst gezeichnet hat ist unklar. Fest steht, dass es aus seiner Werkstatt stammt. Die Federführung und der Zeichenstil lassen allerdings den Schluss zu, dass es der Meister selbst war. Inhaltlich bietet das Fechtbuch wenig Neues, ist es doch nur eine Neuauflage der Fechtbücher von Johannes Lecküchner und dem Codex Wallerstein. Es wird vermutet, dass der Auftraggeber für dieses Fechtbuch Kaiser Maximillian I. war oder, dass es als Geschenk für ihn gedacht gewesen ist. Aber leider ist auch diese Theorie unbewiesen. Für uns gewann das Fechtbuch große Bedeutung durch seine Platte 54 – dem Tritt in die Eier.

1542 – MSS Dresden C93/C94Paulus Hector Mair. Wahrscheinlich das schönste Fechtbuch, das jemals geschrieben wurde. Gemeinsam mit den beiden anderen erhaltenen Werken von PHM, dem Codex Icon. 393 (München) und dem Cod.10825/10826 (Wien), sind diese Kompendien wahre Meisterwerke in Sachen Malerei, Buchbinderei und Handschrift. PHM legte großen Wert auf das Aussehen und inhaltlich lässt es wenig zu wünschen übrig. Das Fechtbuch ist das erste Werk, das sich ausführlich mit der Beinarbeit beschäftigt und es enthält Techniken zu vielen Waffen, die nie zuvor in Fechtbüchern Beachtung fanden. So finden wir Sicheln, Sensen, Äste und Flegel darin. Ebenfalls erstmalig werden auch Auseinandersetzungen gemischt Bewaffneter beschrieben, z.B. mit Lanze zu Pferd gegen Rapier. Natürlich fehlen auch die Klassiker wie Ringen, Dolch, Langes Schwert, Dussack (löste im 16. Jhdt das Messer in den Fechtbüchern ab) und Stangenwaffen. Von den Meistern her liest es sich wie das Who is Who der damaligen Fechtszene: Fabian von Auerswald, Meister Ott, Meister Liechtenauer, Martin Huntfelt, Andres Lignitzer, Johannes Lecküchner, Jörg Wilhalm uvam. trugen mit ihren Werken zu den großen Kompendien bei. PHM stürzte sich für die Erstellung der Bücher in große Schulden und bestahl hierfür sogar die Stadt Augsburg, deren Schatzmeister er war. Er bezahlte diesen Enthusiasmus mit seinem Leben und wurde im Alter von 63 gehängt. Der besondere Bezug für uns zu diesem Fechtbuch liegt darin, dass wir die ersten weltweit gewesen sind, die dieses Werk transkribierten und zwar alle rund 500 Seiten.

1570 – MS.A.4°.2Joachim Meyer – Gründtliche Beschreibung der Kunst des Fechtens. Ein nicht minder schönes Werk stellt die Druckausgabe von Joachim Meyer dar. Es ist eines der ersten Fechtbücher, das mittels Buchdruckverfahren vervielfältigt wird. Meyers Lehren in diesem Werk stellen eher das Fechten in Fechtschulen dar. Vor allem beim Dolchkampf sieht man den Unterschied zu den Lehren von Andres Lignitzer sehr deutlich. Nichtsdestotrotz ist das Fechtbuch eine wichtige und sinnvolle Ergänzung in der Interpretation der deutschen Fechtkunst.

Wie bereits erwähnt enthält diese Auflistung nur die Fechtbücher, welche wir regelmäßig verwenden. Selbstverständlich haben wir auch die Werke von Paulus Kal, Jörg Wilhalm, Ludwig van Eyb, Peter Falkner, Jakob Sutor und den Goliath in Verwendung, allerdings nur sehr selten und sie dienen eher als Nachschlagewerke bei Missverständnissen und nicht wirklich als Arbeitsgrundlage.

Wir hoffen allerdings, dass dieser kurze Überblick euch eine Idee gibt, wie viel Arbeitsaufwand hinter der Rekonstruktion des historischen Fechtens steht.